Projekt Phantome

Seit ich mich erinnern kann, lebe ich auch ohne sichtbare Extremitäten schon immer mit den Phantomen von Armen, Händen, Beinen und Füssen. Mit einem Team von NeurowissenschafterInnen ist es uns gelungen zu beweisen, dass Pahntome nie erlebter Körperteile keine Wunschvorstellungen, sondern eine schöpferische Leistung des menschlichen Gehirns sind.

Phantom-Empfindungen sind hauptsächlich bekannt nach Amputationen. So wird etwa eine verlorene Hand noch gespürt, und präzise Bewegungen der Phantomfinger können "im Geiste" noch ausgeführt werden. Die gängige Vorstellung der Neurowissenschaften ist, dass Phantome auf unauslöschbaren Gedächtnisspuren basieren, im Gehirn eingraviert durch jahrzehntelangen Gebrauch einer Extremität. Vereinzelte klinische Berichte von Personen mit Phantomempfin-dungen für eine seit Geburt fehlende Extremität existieren. Da sie ganz offensichtlich nicht mit der herrschenden Lehrmeinung zu vereinbaren sind, stand ihnen die Mehrheit der Wissen-schafter aber hilflos gegenüber. In Einzelfällen wurden solche Phantome als blosses Wunsch-denken einer körperbehinderten Person abgetan!

Aiha Zemp gehört zu den Personen, die Phantome der fehlenden Körperteile spüren. Wenn sie mit jemand spricht, gestikulieren nicht bloss ihre Oberarme eifrig mit; ein Paar Phantomhände beteiligt sich genauso lebhaft am Gespräch. Im engen Fahrstuhl hat Aiha das Gefühl, sie müsse ihre Beine, die sie bis zu den Zehen fühlt und auch willkürlich bewegen kann, "einziehen", um den anderen Leuten Platz zu machen. Beim abrupten Bremsen der Strassenbahn greift die Phantomhand (meist die rechte - Aiha ist Rechtshänderin!) ganz automatisch nach einer Haltestange. Sie findet zwar keinen Halt, hat Aiha aber durch ihr Ins-Bewusstseintreten bewiesen, dass Händehaben und der Gebrauch einer Hand nicht ans physische Vorhandensein von Knochen, Muskeln, Haut und Nerven gebunden sind. Aiha Zemp ging einen Schritt weiter: sie hat sich mit einem Team von Neurowissenschaftern zusammengetan, um ein für allemale klarzumachen, dass Phantome nie erlebter Körperteile mehr als blosse Wunschvorstellung sind. Ein Hirngespinst vielleicht, aber nicht im üblichen Sinne eines Sinnentruges, sondern im Sinne einer schöpferischen Leistung des menschlichen Gehirns.

In einem Verhaltenversuch wurden Aiha Zemp Bilder von Händen und Füssen gezeigt mit der Aufgabe jeweils zu entscheiden, ob es sich um einen linken oder rechten Körperteil handelt. Normal-geborene Kontrollpersonen lösen diese Aufgabe, indem sie mental ihre eigenen Hände oder Füsse mit den Bildern in Deckung zu bringen versuchen. Sie brauchen dabei deutlich länger für korrekte Entscheidungen, wenn die Finger oder Zehen im Bild nach unten zeigen - die "mentale Rotation" eines Körperteils nimmt Zeit in Anspruch. Aiha zeigte einen vergleichbaren Rotationseffekt, was dafür spricht, dass auch sie diese Aufgabe nicht rein visuell löst, sondern ihre Phantome für die Rechts/Links-Entscheidung einsetzt.
Anatomische Bildgebung (Magnetresonanztomografie) zeigte bei Aiha Zemp eine grobstrukturell normale Ausbildung derjenigen Hirnrindengebiete, welche für die Steuerung und Empfindung von Handbewegungen verantwortlich sind. Mittels funktioneller Magnetresonanz wurden diejenigen Areale in der Hirnrinde studiert, welche aktiviert werden, wenn Aiha ihre Phantomfinger bewegt. Es zeigte sich, dass die Regionen, welche für die Planung und Initiation von Fingerbewegungen bei Kontrollpersonen aktiviert werden, auch bei ihr aktiv sind, obschon die Hirnareale, welche die eigentliche Bewegungsausführung steuern ("primäre Handareale"), stumm blieben (siehe Abbildung). Aus diesen Untersuchungen darf geschlossen werden, dass dem Erlebnis von Handphantomen eine Aktivität umschriebener handmotorischer Hirngebiete zugrunde liegt. Schliesslich haben die Hirnforscher mittels Magnetstimulation der Hirnrinde Bewegungsempfindungen in den Phantomhänden experimentell provoziert. Während bei Menschen, die Hände besitzen, magnetfeldinduzierte Muskelkontraktionen im Handbereich nur nach Stimulation eng umschriebener Gebiete der Hirnoberfläche auftreten, liessen sich diese Phantombewegungen nach Stimulationen über relativ ausgedehnten Flächen auslösen. Dieser Befund spricht für eine frühe funktionelle Um-Organisation der Hirnrinde bei Aiha Zemp und zeugt von der natürlichen Plastizität des menschlichen Gehirns.

Die Forschungsergebnisse wurden im Mai 2000 in einer international bekannten Fachzeitschrift veröffentlicht, und die für die Wissenschaft von Gehirn und Bewusstsein weitreichenden Konsequenzen wurden in drei Punkten zusammengefasst: (1) die Arbeit zeigt, dass wir der Introspektion einzelner körperbehinderter Personen vertrauen sollten, bevor wir bestimmte Beobachtungen als Wunschdenken taxieren, bloss, weil diese sich mit herkömmlichen Lehrmeinungen nicht decken. Dieses Vertrauen soll nicht mit Leichtgläubigkeit verwechselt werden; die Methoden der modernen Neurowissenschaften stellen eine ganze Palette von Experimenten zur Verfügung, welche erlauben, neuronale Korrelate von subjektiven Erfahrungen darzustellen und diese Erfahrungen damit zu objektivieren. (2) Die beschriebenen Experimente haben die gegenwärtig bestehenden Auffassungen bezüglich der neuronalen Grundlage von Phantom-Erscheinungen relativiert. Aiha Zemp hat nie Hände gehabt und verfügt somit über keine "Erinnerungen", welche Grundlage für ihre lebhaften Phantomempfindungen sein könnten. Dass lediglich eine einzige Versuchsperson untersucht worden ist, schmälert die Bedeutung der Arbeit in keiner Weise. Grosse Gruppenstudien mögen dort nötig sein, wo es darum geht, etabliertes Wissen weiter abzusichern. Soll hingegen gezeigt werden, dass ein bestehendes Modell nicht ausreicht, um ein bestimmtes Phänomen zu erklären, genügt die überzeugende Dokumentation dieses Phänomens in einem einzelnen Fall. (3) Die Tatsache, dass Hände, die nie vorhanden waren und nie physisch bewegt wurden, als lebhafte Phantome erfahren werden können, bedeutet nicht zwangsläufig, dass der "Körpersinn" (die Empfindungen für einzelne Körperteile und das Gefühl für deren motorischen Gebrauch) angeboren ist. Es ist denkbar, dass aus der Beobachtung der Extremitätenbewegungen anderer Leute im Gehirn der Eindruck entsteht, als würde man diese selbst ausführen. Die Existenz von Nervenzellen, die sowohl für Bewegungsperzeption wie auch für Bewegungsexekution verantwortlich sind, ist bei Tier und Mensch nachgewiesen. Die Frage nach den Interaktionen zwischen Gliedmassenbeobachtung und Gliedmassensteuerung ist eine der zentralsten in der modernen Neurobiologie. Aiha Zemp ist weiterhin bereit, der Wissenschaft zu helfen, den Menschen das näher zu führen, was für sie selbst schon immer eine Erfahrungstatsache war.

Abbildung

Die Areale, die in Aihas Gehirn aktiv sind, wenn sie ihre Phantomfinger bewegt. (Pfeile: anatomisch normal ausgebildete primäre Handareale). Die Aktivität findet sich in sog. prämotorischen (oberhalb der Pfeile) und parietalen (unterhalb der Pfeile) Gebieten.

Literatur

Brugger P, Kollias SS, Müri R, Crelier G, Hepp-Reymond M-C, Regard M (2000). Beyond re-membering: phantom sensations of congenitally absent limbs. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 97, 6167-6172.

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